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Hansruedi Bhend

Rentiere

Reisebericht

14. Juni 2009 aus der Gegend von Kassel

Die bisherige Route: Stäfa , Möhlin , Basel , Strasbourg , Karlsruhe , Worms , Darmstadt , Frankfurt a.M., Kassel und nun Richtung Hannover . Die Reise führte entlang sehr schöner Radwege in wunderschöne Ortschaften. In Strasbourg traf ich zwei Velofahrer, die erzählten, sie seien letztes Jahr mit dem Velo von Paris nach Peking gefahren. Dieses Jahr sei Istanbul ihr Ziel. Da bin ich ja direkt erleichtert, dass ich eine solch „bescheidene“ Route wie das Nordkap ausgewählt habe.

27. Juni 2009, Oslo

Über Darmstadt, mit Übernachtung in der Jugendherberge und Austausch des defekten Velocomputers, ging es dann weiter in Richtung Babenhausen, wo ich endlich die Velofernroute Hessischer Radweg Nr. 4 fand, der mich dann die nächsten 4 Tage über Alsberg, Schotten, Hofgeismar, Fritzlar nach Bad Karlshafen brachte und weiter auf dem Weserradweg bis Hessisch Oldendorf. Dann durch die Lüneburger Heide und bei Glückstadt mit der Fähre über die Elbe und weiter bis Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal (früher Kaiser-Wilhelm-Kanal).

Bei Flensburg überquerte ich die Grenze nach Dänemark fuhr auf über Alsborg nach Frederikshavn und mit der Fähre weiter nach Oslo. Als Bergler war ich froh über die ruhige See.

11. Juli 2009, Ulvsvåg

Um von Oslo auf den „richtigen“ Weg zu gelangen, nahm ich der Einfachheit halber für ein sehr kurzes Stück den Zug. Das ging problemlos und so war schon mal abgeklärt, ob Velos überhaupt transportiert werden. Gut, ganz ohne Mückenstiche geht es im Norden nicht. Doch die immer gross beschriebene Mückenplage habe ich jedoch bis jetzt nicht erlebt. Dafür hatte es seit Dänemark ungefähr 10 Tage lang schönstes und wärmstes Wetter (ca. 28° – 30° oder sogar etwas mehr).

Morgen versuche ich dann Narvik Camping zu erreichen.

Wie ihr seht, läuft alles bestens. Ich denke, dass das Nordkap in ca. 14 Tagen erreicht ist. Gutes Wetter, Glück und Gesundheit vorausgesetzt.

Der bisherige Tagesdurchschnitt liegt bei ca. 90 km. Bis ans Ziel dürften es ca. 4 200 bis 4 300 km werden.

Bis dahin fehlen allerdings noch ca. 1 000 km.

19. Juli 2009, Nordkap

Nach 49 Tagen und ca. 4 200 km ist mein Traumziel erreicht. Das Wetter am Nordkap ist sehr stürmisch, der Himmel wolkenverhangen, von Mitternachtssonne keine Spur. Stattdessen viele schimpfende Touristen, weil sich die Mitternachtssonne buchstäblich bedeckt hält. Aber das alles ist für mich einfach nur nebensächlich, ich bin müde, glücklich und zufrieden.

29. Juli 2009, Rovaniemi 

Nach zwei Tagen verabschiedete ich mich von der „Nordkapinsel“ und dem italienischen Kollegen, ein Velofahrer aus Italien, den ich vor 2 Wochen traf. Mal war der eine vorn, mal der andere, mal fuhren wir gemeinsam. Er bezeichnete mich mal als alten Dieselmotor, langsam, regelmässig, ruhig.

Aufgrund von Kniebeschwerden entschied ich mich die Velotour hier abzubrechen und mit der Finnenbahn nach Helsinki und von dort nach Hause zu fliegen.

Die ca. 800 km lange Reise mit dem Velo über Oldersfjord, Lakselv, Karasjok, Kautokaino, Palojoensuu, Muonio, Kaukonnen endete nach
ca. 5 000 unfallfreien Kilometern in Rovaniemi. Von hier aus geht’s die nächste Nacht mit dem Zug nach Helsinki und weiter per Flugzeug nach Zürich.

Einige Anekdoten

Irgendwie scheine ich immer die richtigen Leute zu treffen. In den nordischen Ländern kommt man mit ein wenig Englisch gut durch.

Schweizerdeutsch

In Norddeutschland kam ich beim Abendessen in einem einfachen Restaurant ins Gespräch mit einheimischen Gästen. Dafür packte ich mein allerbestes Hochdeutsch aus. Das erschütternde Resultat war dann die Aussage: „Wir haben nicht gewusst, dass Schweizerdeutsch so einfach zu verstehen ist“!?

Landesweite Hilfe

In Mosjoen fragte ich in einem Laden einen Kunden wo ich die Milch finden könne und kam mit dem Mann ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er in einer Bank in Mosjoen arbeite. Wenn ich, wo immer in Norwegen, mal Schwierigkeiten habe, solle ich auf irgend eine Bank in Mosjoen anrufen und nach „Nielsen dem Velofahrer“ fragen. Er sei bekannt und werde mir sicher weiterhelfen können.

Tags darauf überholte mich ein Auto und hielt kurz vor mir am Strassenrand an. Es war Nielsen, der mit seiner Frau unterwegs war und mich so zu einem Kaffee aus der Thermoskanne und Croissant einlud.

Habe die Mitfahrgelegenheit nicht ausgeschlagen

Vor Narvik anerbot sich ein Kleinbusfahrer mich einige Kilometer weit über eine gefährliche Strecke, mit zum Teil für Radfahrer gesperrten Tunnels, mitzunehmen. Er zeigte mir auf der ca. 40 km langen Fahrt u.a. einige gut sichtbar ausgearbeitete Tunneleingänge für die vor Jahren geplante, jedoch nie gebaute Eisenbahn von Fauske nach Narvik. 

Ich liebe Dich

Bei einem abgelegenen Haus in Finnland fragte ich nach Trinkwasser für die Weiterreise. Die Bewohner waren so herzlich, dass sie mich kurzerhand einluden, in ihrem Gästezimmer zu übernachten. Die 89‑jährige Grossmutter – überaus vital und dank täglicher Bodenübungen fast schneller auf den Beinen als ich – erzählte später am Abend aus ihrem früheren Leben. Und ein bisschen Deutsch könne sie auch. Zum Beispiel: „Ich liebe dich.“ Ich antwortete: „Minä rakastan sinua“, was auf Finnisch „ich liebe dich“ heisst. 

So einfach gewinnt man unterwegs Freunde. Und das Trinkwasser gab es am nächsten Morgen obendrein.

Die verflixte Kartonbox

Das Flugticket, Helsinki – Zürich für mich und mein Velo hatte ich bei einem Reisebüro in Rovaniemi gebucht. Das Velo werde problemlos mittransportiert. Nun wurde beim Einchecken in Helsinki kategorisch verlangt das Velo in einer Kartonbox zu verpacken. Allerdings gab es weder am Flughafen selbst noch in Helsinki solche, ausschliesslich der vom Flughafen Zürich, verlangten Boxen. Also wollte die nette Dame einen Flug für den nächsten Tag buchen. Wie ich in der Zwischenzeit zu einer Box kommen sollte, konnte sie mir allerdings auch nicht sagen. Also verwies ich auf die schriftliche Abmachung vom Reisebüro und machte der Dame auf sehr freundliche und bestimmte Art klar, wenn ich diesen Flug nicht nehmen könne, müsse die Fluggesellschaft für alle Zusatzkosten aufkommen. Nach etwa 2 Stunden Hin und Her und meine Weigerung einen anderen Flug zu akzeptieren kam der gute Bescheid, dass mein Velo eine Sonderbewilligung erhalte und fliegen dürfe. Notabene ohne Box und ohne irgendwelche sonstige Verpackung.

Wer eine Reise macht kann auch viel erzählen

Herzlichen Dank an alle Personen, die mich vor, während und nach der Reise in so vielfältiger Weise unterstützt haben. 
Hansruedi Bhend